„Quantensprung ins Digitale“

Mit dem Ausbruch des Corona-Pandemie wurden auch Kindergärten und Schulen geschlossen. Die Gesellschaft für Umweltbildung Baden-Württemberg nahm ihre Bildungsinhalte deshalb mit der Kamera auf und stellte sie ins Netz – mit erstaunlicher Resonanz.

Warum wachsen Frühblüher eigentlich so schnell? Mit dieser simpel klingenden Frage beschäftigt sich Maike Fritz in einem fünfminütigen Video – und trifft damit einen Nerv. Mehr als 27.000 Klicks zählt der Clip bei YouTube. Über den Frühlingsbeginn hätten sich viele Menschen gefreut, sagt Fritz, gerade während der Pandemie. Die Geografin zeigt im Video Krokusse, Narzissen oder Traubenhyazinthen – und beschreibt, warum deren besondere Zwiebel- und Knollenstruktur die Pflanzen im Frühjahr besser wachsen lassen. Es ist eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Nachmachen. Als Auftrag an alle Heranwachsenden formuliert die Pädagogin: eine Knolle mit Steinen und etwas Wasser in einem Glas platzieren. So könne man der Pflanze live beim Wachsen zusehen.

Der Frühblüher-Clip ist nur einer von inzwischen über 130 Filmen, die die Gesellschaft für Umweltbildung Baden-Württemberg, kurz GUB, seit November 2020 auf ihrem YouTube-Kanal einstellte.

Mithilfe der Förderung durch die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt setzt der Verein aus Weinheim verstärkt auf das Online-Format. Eine „Notlösung“, die sich inzwischen bewährt habe, findet Projektleiter Bernd Schlag. „Das war ein Quantensprung ins Digitale“, erzählt der Diplom-Biologe. Zuvor sah das Vorhaben über viele Jahre eigentlich ganz anders aus.

Seit 2004 bietet der Verein naturwissenschaftliche Forschung in Kindergärten an. Dem Team geht es vor allem um einen spielerischen Zugang. „Naturwissenschaft in Kindergärten ist einfach spannend“, so Bernd Schlag. Mit der Gründung der GUB, an der er beteiligt war, sollte eine Lücke in der Bildungslandschaft geschlossen werden. Die H. W. & J. Hector Stiftung half beim Aufbau und fördert auch aktuell die naturwissenschaftlichen Aktivitäten in 19 Weinheimer Modellkindergärten.

Heute ist der Verein in 25 Kindergärten aktiv, zum Beispiel in Heidelberg, Mannheim und Weinheim. In den Einrichtungen wurden kleine Forschungsstationen eingerichtet. Wenn die Mitarbeitenden in den Kindergärten vorbeikommen, sei die Freude bei den Kleinen groß, weiß Schlag. „Die Forscher sind da“, so sei das Team oft begrüßt worden.

Forschung mit Heranwachsenden

Das Team der GUB besteht aus fünf Wissenschaftlerinnen. Gemeinsam mit den Erzieherinnen und Erziehern gestalten sie das Programm für die Kinder und regen so an, sich früh mit naturwissenschaftlichen Fragen auseinanderzusetzen: Wie funktioniert ein Brunnen? Wie lasse ich mit Essig und Backpulver eine Rakete starten? Und wie züchte ich Salzkristalle? In der Rhein-Neckar-Region hat sich das Konzept bereits etabliert. In Heidelberg kooperiert der Verein mit dem Transferzentrum der Pädagogischen Hochschule. Bernd Schlag gehört der Partnerorganisation Frühkindliche Bildung des Weltaktionsprogramms der UNESCO an und hat zudem mehrere Bücher über naturwissenschaftliches Forschen in Kindergärten veröffentlicht.

Mit der Ausbreitung des Corona-Virus wurde alles anders. Die Kindergärten schlossen und das Team der GUB musste überlegen, wie die Angebote fortgeführt werden können. So entstand die Idee, in kurzen Videos naturwissenschaftliche Phänomene zu erklären und kleine Experimente vorzumachen und sie dann den Erzieherinnen und Erziehern zur Verfügung zu stellen. Mit den Fördergeldern der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt konnte das nötige Equipment angeschafft werden. „Wir haben eine komplette Ausstattung mit Kameras und Beleuchtung bekommen und konnten uns selbst in Regie und Schnitt weiterbilden“, beschreibt Bernd Schlag die vergangenen Monate.

Die Videos richten sich insbesondere an Erzieherinnen und Erzieher sowie an Lehrerinnen und Lehrer an Grundschulen, die der Verein dazu ermutigen möchte, gemeinsam mit den Kindern zu forschen. Viel positives Feedback habe es gegeben, vorwiegend von Lehrkräften, aber genauso von Eltern, die ihre Kinder in der Zeit des Lockdowns zu Hause betreuten. Auch Kinder meldeten sich mit Feedback. „Das sind zwar keine Gaming-Videos, Spaß macht es trotzdem“, heißt es etwa in den Kommentaren bei YouTube.

Auf seiner Internetseite bietet der Verein außerdem Bildungsmaterial an: Anleitungen und naturwissenschaftliche Hintergrundinformationen zu den Experimenten. „Mit diesem Paket ist das Lehrpersonal eher dazu bereit, mit Kindern naturwissenschaftlich zu experimentieren, weil sie so auch das Hintergrundwissen vermittelt bekommen“, erklärt Schlag. „Die Kinder sind dann indirekt die Zielgruppe.“ Jeden Freitag stellt der Verein ein neues Video auf der Plattform online.

Eine Frau sitzt mit zwei Kindern an einem Tisch und beschäftigt sich mit Blüten. Ein Kameramann filmt die Szene

Weiterentwicklung durch Corona

Bernd Schlag ist überzeugt, dass die Digital-Förderung und die Video-Idee ein Glücksgriff für den Verein waren. „Die Mitarbeitenden hatten ja keine Gelegenheit, in Kindergärten zu gehen“, sagt er. Honorare seien weggefallen, die durch das Produzieren der Videos aber wieder gezahlt werden konnten. „Wir haben alle Kolleginnen und Kollegen über die Coronazeit retten können“, meint er zufrieden.

Schlag betont, dass sich die Reichweite des Vereins über die letzten Monate immens vergrößert habe. Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft beispielsweise verbreitete die Forschungsvideos auf ihrem Webauftritt, und so kämen Anfragen inzwischen auch von Schulen außerhalb Baden-Württembergs. „Früher waren wir eher lokal unterwegs. Die Videos haben uns auf eine bundesweite Ebene katapultiert“, meint Schlag. Der Vereinsgründer ist glücklich über die Entwicklung. So kam zuletzt sogar die bundesweit agierende Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ auf den Verein aus Weinheim zu und zeigte sich beeindruckt von der Fülle an Videos.

Der nächste Schritt hebt die Gesellschaft für Umweltbildung Baden-Württemberg nun sogar auf die internationale Bühne. Denn mit dem Verband deutscher Lehrer im Ausland konnte der Verein mit den Lehrfilmen auch einige deutsche Schulen im Ausland unterstützen. Auch ein englischsprachiger YouTube-Kanal geht an den Start. Dafür konnten bereits mehrere Goethe-Institute für eine Kooperation gewonnen werden, bemerkt Schlag. „Wir sind ja schon seit vielen Jahren in dem Bereich aktiv, und es ist wunderbar, dass wir unsere Erfahrung so weit streuen können.“ Deshalb werden auch nach dem Ende der Lockdowns weiterhin Videos für Kindergärten und Schulen produziert und auf diese Weise noch viel mehr Kinder erreicht.

WoWirFördern: GUB

Früher waren wir eher lokal unterwegs. Die Videos haben uns auf eine bundesweite Ebene katapultiert.

Bernd Schlag, Projektleiter, Gesellschaft für Umweltbildung B.W.

Hinweis: Jeden Freitag stellt der Verein ein neues Video online.

Über die Organisation

Die gemeinnützige Gesellschaft für Umweltbildung Baden-Württemberg e. V. (GUB) ist seit 2004 in Kindergärten der Metropolregion Rhein-Neckar aktiv. Sie unterstützt Erzieherinnen und Erzieher dabei, naturwissenschaftliche Forscherprojekte kindgerecht durchzuführen.

Kontakt

Gesellschaft für Umweltbildung Baden-Württemberg e. V.
Prankelstr. 68
69469 Weinheim

Telefon: +49 (0)6201-601727
E-Mail: umweltbildung@t-online.de